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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Live-Voice-Chatrooms? An sich nichts Neues. Die Plattform Discord etwa bietet genau das an. Trotzdem sorgt derzeit keine App für so viel Gesprächsstoff wie Clubhouse. Obwohl es die amerikanische Plattform schon seit März 2020 gibt, ist sie jetzt erst in Deutschland angekommen und innerhalb weniger Tage durch die Decke gegangen.

Anfang dieser Woche verdrängte die Audio-Anwendung den Messenger Telegram in Deutschland von Platz zwei der Liste der am häufigsten heruntergeladenen Gratis-Anwendungen im App Store von Apple. Sicher ist: Clubhouse fasziniert. Wieso eigentlich – und muss die Sache nicht auch einen Haken haben? Wir haben uns die exklusive Community genauer angeschaut – und geprüft, ob auch Unternehmen mitfeiern oder zunächst besser zuhause bleiben sollten.

Viel Spaß beim Lesen!

OSK Weekly KW 03 - Clubhouse - Zwischen Hype, FOMO und Lockdown

Zwischen Hype, FOMO und Lockdown: Die Social Audio App Clubhouse startet durch

Wer in den letzten Tagen auf Twitter, LinkedIn oder Facebook unterwegs war, konnte immer wieder lesen: „Hat jemand einen Invite übrig?“ oder „Ich bin auf Clubhouse, wer noch?“. Gemeint ist die App „Clubhouse: Drop-in audio chat“ von Alpha Exploration. Sie ermöglicht es Usern, live an Audio-Gesprächen mit Menschen aus der ganzen Welt teilzunehmen.

Die Plattform ist eine Mischung aus virtueller Konferenz und interaktivem Podcast. User haben die Möglichkeit, sogenannte „Rooms“ anzulegen, in denen sie mit anderen Nutzern sprechen können. Die Moderatoren legen fest, welches Thema diskutiert wird, wer zu den Speakern gehören und wer „nur“ zuhören darf. Wer aufs Zuhören beschränkt ist, kann immerhin die digitale Hand heben, wenn er oder sie etwas sagen möchte – genau, ganz wie damals in der Schule.

Clubhouse setzt auf das Twitch-Gefühl: Jeder kann zum Sender werden. Die App erinnert an einen öffentlichen Platz, auf dem man sich austauschen kann – auch mit Stars wie Rapper Drake, It-Girl Paris Hilton oder Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer. Dazu tummeln sich immer mehr Startup-GründerInnen, InfluencerInnen sowie ManagerInnen auf der Plattform und diskutieren über Firmengründung, Venture Capital und High Performers. Die Prominenz verleiht dem „Clubhouse“ eine elitäre Aura, während Nutzer ihren Idolen zeitgleich näherkommen – wahrscheinlich näher als jemals zuvor. Aber: Nicht jeder kommt in den Club – es bedarf einer Einladung. Wer drin ist, kann zwei weitere Nutzerinnen oder Nutzer einladen. Alternativ registriert man sich in der App und hofft darauf, dass ein Kontakt bereits Mitglied im Netzwerk ist.

Eine exklusive Sache – genau deshalb möchte jeder rein! Hier greift das Prinzip „Fear of missing out“ – oder kurz: FOMO. Es beschreibt die Angst, etwas zu verpassen. Die App setzt darauf, dass die Menschen erst recht dazugehören wollen, wenn es ihnen nicht ganz leicht gemacht wird. Diese künstliche digitale Verknappung ist jedoch nichts Neues. Man kennt sie aus der analogen Welt, wie zum Beispiel Country Clubs oder bestimmten Diskotheken.

Aber warum kam die Audio-Anwendung ausgerechnet jetzt erst nach Deutschland? Ausgelöst hat den Hype der Doppelgänger-Podcast. Dieser veranstaltete im Januar erste Gesprächsrunden auf Clubhouse. Um den Schneeball-Effekt ins Rollen zu bringen, eröffneten die Macher und Digitalexperten Philipp Glöckler und Philipp Klöckner eine Telegram-Gruppe, in der sie Kontakte sammelten und diese zu Clubhouse einluden. Influencerin Ann-Katrin Schmitz löste dann eine regelrechte Lawine aus, indem sie in ihrer Instagram-Story auf Clubhouse hinwies. Einer der in Deutschland aktuell erfolgreichsten Clubhouse Rooms trägt den Namen „Hauptstadtgeflüster“, in dem Persönlichkeiten aus allen Ebenen des Berliner Politikbetriebs locker drauf los debattieren – von MdB-Assistenten bis zu Christian Lindner.

Clubhouse passt in die Zeit von Abstandsreglungen und Home-Office: Die App bietet die Möglichkeit, während des Lockdowns neue spannende Kontakte zu knüpfen und ins Gespräch zu kommen. Für die Menschen, die im Home-Office arbeiten, ist der Audio-Chat eine willkommene Ablenkung – zumal Audio in der „Generation AirPods“ als Alternative zu Video und Text zurzeit boomt.

OSK Weekly KW 03 - Clubhouse - Willkommen im Club der Datenkraken

Willkommen im Club der Datenkraken

Neben dem Hype gibt es aber auch massive Kritik am Clubhouse-Prinzip – allen voran von Juristen und Datenschützern. Denn: Wer Clubhouse nutzt, gibt nicht nur seine Telefonnummer weiter, die zur Anmeldung zwingend erforderlich ist, sondern muss für die vollständige Funktionalität auch sämtliche im Smartphone eingespeicherte Telefonnummern von Freunden, Bekannten oder Geschäftskontakten an den Dienst weiterleiten – ohne deren Zustimmung. Fairerweise sollte an dieser Stelle angemerkt werden, dass zumindest die Freigabe der eigenen Kontakte nur erforderlich ist, um andere Personen nach Clubhouse einzuladen oder von ihnen eingeladen zu werden.

Dass Clubhouse offenbar wenig Wert auf Datenschutz legt, zeigt sich auch daran, dass die App Nutzern bislang nicht einmal eine direkt in die Plattform verbaute Option bietet, ihre eigenen Daten beim Austritt wieder löschen zu lassen. Darüber hinaus kann man den Datenschutz-Informationen in Apples App Store entnehmen, dass Clubhouse die Nutzungsdaten seiner User sammelt. Was der Dienst damit anfängt, ist in den Nutzungsbestimmungen aber nicht klar ersichtlich – auch das ist nach Einschätzung von Datenschützern problematisch.

Überhaupt ist das Geschäftsmodell derzeit noch unklar – aktuell existieren weder Bezahlinhalte noch Werbung, auch die App selbst ist kostenlos downloadbar. Es darf jedoch vermutet werden, dass die gesammelten Daten den Betreibern dabei helfen, zielgerichtet neue Features zu entwickeln und Nutzerprofile zu erstellen – zu den frühen Risikokapitalgebern des Unternehmens gehört unter anderem Andreessen Horowitz, der mit Facebook und Instagram bereits zwei Unternehmen unterstützte, die ihre NutzerInnen detailliert durchleuchten.

Die Entwickler zeichnen die Gespräche in den Rooms zudem auf – ihrer Aussage nach, um mögliche Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen nachverfolgen zu können, etwa hinsichtlich rassistischer oder sexistischer Inhalte und Botschaften. Dabei stehen die Server, auf denen Clubhouse diese Gespräche archiviert, in den Vereinigten Staaten. Anders gesagt: Wer die Clubhouse-App in Europa nutzt, erklärt sich damit einverstanden, dass die eigenen Daten über den Atlantik reisen.

Weitere Kritik zog in den vergangenen Tagen die mangelnde Vielfalt im Clubhouse auf sich, genauso wie der Umstand, dass die Infrastruktur hinter der Plattform den weiter steigenden Nutzerzahlen möglicherweise nicht gewachsen ist. Auch der Umgang mit Hate Speech ist eine Herausforderung: Laut US-Medien stoßen User immer wieder auf kritische Inhalte – von einfachen Beleidigungen über sexistische und rassistische Äußerungen – die oft aber weder gelöscht werden noch Konsequenzen für die User dahinter nach sich ziehen. Was das für die Zukunft der App in Deutschland bedeutet, bleibt abzuwarten.

In puncto Exklusivität außerdem zu betonen: Die Clubhouse App gibt es derzeit nur im Apple App Store und ist somit ausschließlich Nutzern von iOS vorbehalten. Android-Nutzer sind Stand heute noch außen vor.

OSK Weekly KW 03 - Clubhouse - Möglichkeiten für Unternehmen

Spannende Möglichkeiten für Unternehmen – in der Theorie

Trotz der ernstzunehmenden rechtlichen Fragen birgt Clubhouse dennoch viel Potenzial, das kommunikative Portfolio von Marken zu erweitern. Klar auf der Hand liegt hier zunächst der Einsatz als Tool für digitale Pressekonferenzen, auf denen Journalisten und Journalistinnen ihre Fragen viel intuitiver als über eine vergleichbare Videolösung stellen können. Im gleichen Kontext sind Produkt-Launches und Highlight-Ankündigungen samt Q&A-Session ein weiterer vielversprechender Ansatz, an denen jeder Fan (und Kritiker) aktiv teilnehmen kann.

Ebenso sind Clubhouse Sessions als vertiefendes Zusatzangebot für bereits etablierte Corporate-Formate wie Podcasts oder interaktive Expertentalks geeignet. „Join-and-talks“ mit prominenten Unternehmensköpfen – vom CEO bis zum Influencer der aktuellen Social-Media-Kampagne sind ein weiteres Einsatzgebiet.

Dabei hängt die Sinnhaftigkeit eines Clubhouse-Auftritts auch von der jeweiligen Branche ab. Denkbar für den Buchhandel wäre zum Beispiel eine digitale Promo-Lesung für den neuen Roman ihres neuen Autors inklusive Fragerunde. Nicht zuletzt dürften Unternehmen auch überlegen, ob interne Weiterbildungsmaßnahmen und Info-Events im Clubhouse ein neues – oder zumindest zweites – Zuhause finden könnten.

Das alles gilt bisher jedoch nur in der Theorie, denn Unternehmensaccounts sieht Clubhouse aktuell (noch) gar nicht vor – erlaubt sind nur private Profile mit Vor- und Nachnamen – , was die Plattform kommerziell derzeit offiziell auf Personal-Branding-Maßnahmen beschränkt. Mehr noch: Liest man sich die Nutzungsbedingungen für Clubhouse durch, wird klar, dass „unaufgeforderte oder nicht autorisierte“ Inhalte aus den Bereichen „Werbung, Promo-Material und kommerzielle Aktivitäten“ nicht erlaubt sind. Und auch Unternehmen selbst dürfen Stand heute keine „Waren oder Dienstleistungen“ bewerben oder „zum Verkauf anbieten“, sofern dies nicht „spezifisch autorisiert“ wurde.

Selbstverständlich bieten auch diese Formulierungen Raum für Interpretation – Unternehmen sind gut beraten, ihre Rechtsabteilung einen kritischen Blick auf mögliche Clubhouse-Aktivitäten werfen zu lassen. Für Marken, die sich an eine sehr junge Zielgruppe richten, gilt es darüber hinaus zu bedenken, dass Clubhouse-Nutzer mindestens 18 Jahre alt sein müssen.

OSK Weekly KW 03 - Clubhouse - Einschätzung

Fazit: Rechtliche Fragen klären – und go!

Der Erfolg von Clubhouse wirkt wie ein Bilderbuch-Hype – und ist ausdrücklich nicht künstlich erzeugt, sondern die Folge digitaler Mund-zu-Mund-Propaganda, dem online-fokussierten Leben in der Pandemie sowie des ungewöhnlichen Ansatzes der Plattform. Und so strömen aktuell mehr und mehr digitalaffine Interessierte auf die Plattform, probieren sich aus und reden „einfach drauf los“. Das ist erst einmal positiv zu bewerten – auch, wenn die meisten Clubber derzeit noch aus einer Art elitären Blase kommen. Auf lange Sicht muss Qualität vor Quantität das Credo sein – und zwar bezogen auf den Content, nicht auf die User. Um mittelfristig weiter relevant zu bleiben und neue Nutzergruppen anzusprechen, ist zudem eine zeitnah erscheinende Android-Version unabdingbar.

Dennoch sind wir zuversichtlich: Sind die rechtlichen Fragen rund um die neue Boom-App erst einmal geklärt, können Kommunikatoren und ihre Zielgruppen dank der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und des Initialschubs begeisterter Early Adopter aus der Marketingwelt schon bald ganz offiziell gemeinsam „feiern“ gehen und so zusätzliche kommunikative Potenziale erschließen. Unser Kollege und Digitalexperte Lucas Mohr fasst es so zusammen:

„Clubhouse bietet interessante Möglichkeiten für Unternehmen – keine Frage. Wer allerdings mit Krawatte auftritt und mit einem Unternehmensaccount in den Chat geht, ist auf dem Holzweg. Zielführender ist es, wenn Executives von Unternehmen sich mit ihrem Klarnamen in passende Räume und Gespräche einklinken – allerdings ohne ihren Pressesprecher im Hintergrund. Dadurch bietet sich die Chance, nicht nur direktes Feedback zu bekommen, etwa zu neuen Produkten, sondern auch die eigene Brand absolut nahbar werden zu lassen.“

Letztlich wird die Zukunft zeigen, ob aus dem Hype eine ernstzunehmende neue Plattform erwächst, die Social Audio ins absolute Rampenlicht katapultiert und Unternehmen neue Chancen auf Reichweite ermöglicht – oder ob wir in einem halben Jahr schon nicht mehr so recht wissen, was uns da eigentlich im Januar 2021 in den Club getrieben hat. Eines legen wir digital-affinen Köpfen mutiger Marken in diesen Tagen in jedem Fall ans Herz: Invite organisieren, umschauen, zuhören, mitreden – und endlich mal wieder ganz unverbindlich feiern gehen!

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// Über den Autor und die Autorin

Marcel Bender - OSK-Redakteur

Für Marcel Bender dreht sich alles um die Stories hinter den Marken, Menschen und Technologien der Unternehmenswelt. Bevor er 2014 als Redakteur ins Agenturleben einstieg, tauchte der Postrock-Bassist an der Uni Essen in die Frage ein, was Kommunikation eigentlich ist, wie sie funktioniert – und warum wir uns trotz ihres Hangs zum Scheitern dennoch verstehen. Für OSK textet Marcel vor allem für Social-Media- und Digital-Projekte. Auf der Rasierklinge der rasanten, digitalen Veränderungen kämpft er für mutige, kreative und authentische Corporate-Kommunikation entlang aller Kanäle. Nach Feierabend verbringt er seine Zeit gerne mit Freunden, in Youtube-Sessions und mit Dortmunder Fußball-Philosophie.

Jennifer Winter ist studierte Tech-Journalistin und Kommunikations-wissenschaftlerin. Ihren Master in Technik- und Innovationskommunikation hat sie an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg absolviert. Bei OSK arbeitet Jennifer als Online- und Social-Media-Redakteurin. Sie hat sich schon immer für neue Trends und Innovationen im digitalen Bereich interessiert und schreibt darüber für den OSK Blog. Privat ist sie auf dem Fußballplatz zu Hause, verfolgt den internationalen Fußball und spielt auch selbst im Verein.