//KW 06 – TikTok: wie Hitparade, nur jung, kreativ und digital

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

TikTok – noch nie gehört? Dann zählen Sie höchstwahrscheinlich nicht mehr zur jüngsten Nutzergruppe von Social-Media-Kanälen und haben auch keine Kinder im jugendlichen Alter. Denn die App ist gerade schwer angesagt – und zwar vornehmlich bei Nutzerinnen und Nutzern zwischen 13 und 16 Jahren, wobei Mädchen in der Mehrheit sind. Und: TikTok gehört nicht zum Facebook-Imperium. Aber worum geht es genau? Um eine mittlerweile chinesische App, die, vereinfacht gesagt, kurze, selbst gedrehte Musikvideoclips mit Fullplayback erlaubt. Im aktuellen Weekly beleuchten wir TikTok etwas näher.

Viel Spaß beim Lesen!

Worum geht es bei TikTok?

In Deutschland und Europa gab es zunächst die bekannte und beliebte App musical.ly, TikTok war das chinesische Pendant. 2017 kaufte die Muttergesellschaft von TikTok, ByteDance, den Konkurrenten für rund eine Milliarde Dollar. 2018 erfolgte die Verschmelzung, der Name musical.ly ist seitdem verschwunden. Daraus ist mittlerweile die größte Playbay-Video-Community der Welt entstanden. Nutzer wählen einfach einen beliebten Song aus Listen aus und performen dazu vor der Handy-Kamera. Dabei können sie zwischen fünf verschiedenen Geschwindigkeiten wählen und somit in Slow Motion oder gar Zeitraffer aufnehmen. Mittlerweile dürfen die Videos bis zu fünf Minuten lang sein. Dazu lassen sie sich mit verschiedenen Effekten, Filtern und 3-D-Stickern aufpeppen. Die fertigen Kreationen erscheinen direkt in der App, beschreibt Chip das Angebot in einer kurzen Zusammenfassung.

TikTok steigt in die Vermarktung ein

Aktuell sorgt TikTok für weitere Aufmerksamkeit mit einer geleakten Verkaufspräsentation. Daraus soll hervorgehen, dass der Anbieter seine große Community und damit auch seine große Reichweite über Werbeeinnahmen endlich monetarisieren will. Denn: Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen jeden Tag 800 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer. Als Anzeigenformate soll TikTok native Video Ads im Feed, aber auch Marken-Takeovers und Gamification-Aktionen wie Hashtag Challenges oder gesponserte Filter anbieten. Der CPM soll bei zehn Dollar liegen, es soll allerdings bis zu drei verschiedene Preismodelle geben. In Deutschland gibt es inzwischen 4,1 Millionen aktive Nutzer pro Monat, das Verhältnis Frauen zu Männer beträgt 54 zu 46, die tägliche Nutzungsdauer liegt bei 39 Minuten und ein Nutzer öffnet die App im Schnitt achtmal pro Tag. Die Nutzerzahl in Deutschland ist damit noch weit entfernt von Facebook oder Instagram, aber schon nah an Snapchat (circa fünf bis sechs Millionen Nutzer). Aus den Nutzerstatistiken geht auch hervor, dass Deutschland für TikTok der bislang stärkste Markt in Europa ist, gefolgt von Frankreich, Großbritannien und Spanien.

Was TikTok für Marken bedeutet

Auch für Unternehmen ist es interessant, sich mit TikTok auseinanderzusetzen. Ein eigener Account lohne sich vor allem für Branchen, die für die Zielgruppe sehr relevant seien und die kontinuierlich ansprechenden und abwechslungsreichen Content liefern könnten, schreibt LEAD digital. Denkbar seien hier zum Beispiel die Tourismus-Branche, aber auch Food-Produkte oder Unterhaltungselektronik sowie Beauty und Fashion. Unternehmen sollten zudem Wert auf die richtige Tonalität und den richtigen Einstieg ihrer Videos legen. Da es sich um eine sehr schnelle Plattform handele, sei die Aufmerksamkeitsspanne bei TikTok-Nutzern extrem kurz. Kreativität und Experimentierfreude bei Unternehmen seien daher gefragt, so LEAD digital.

Und Facebook? Schwingt das Lasso

Neidisch dürfte vermutlich Facebook zu TikTok schauen. Die jungen und aktiven Nutzer hätte der US-Gigant, der dieses Jahr 15 Jahre alt wird, auch gern (wieder). Und was macht Facebook, wenn es selbst keine Ideen mehr hat? Es kopiert – und wirft wortwörtlich das Lasso aus. So heißt die App, die Facebook still und leise Ende 2018 in den USA gestartet hat. Wie bei TikTok kann man sich beim lippensynchronen Nachsingen von Popsongs aufnehmen. Außerdem können Kurzvideos nach dem Vorbild von Vine aufgezeichnet und geteilt werden. Diese Clips lassen sich aus der Lasso-App heraus als Facebook Storys teilen. Später soll das auch über Instagram funktionieren. Zur Anmeldung bei Lasso wird ein Instagram- oder ein Facebook-Konto vorausgesetzt, wie t3n herausgefunden hat.

TikTok, Kinder und die Daten

Da TikTok eine extrem junge Zielgruppe anzieht, sollten sich Eltern unbedingt für die App interessieren. Die Initiative „Schau hin!“ (unter anderem vom Bundesfamilienministerium) rät deshalb, dass Eltern zusammen mit ihrem Nachwuchs das Profil und die Privatsphäre-Einstellungen einrichten. So könne man einstellen, dass Jugendliche ihre Musikvideos nur mit Freunden und Freundinnen teilen und auch nur von diesen Clips erhalten möchten. Würden Videos öffentlich gepostet, könnten sie nicht nur von jedem gesehen, sondern auch gespeichert werden. Zwar gebe es in der App noch keine direkte Funktion, um Videos von anderen Nutzerinnen und Nutzern zu speichern, jedoch erlaube die Link-Funktion, die Videos über andere Websites oder Cloud-Dienste herunterzuladen und zu speichern, gibt die Initiative zu bedenken.

Ein genauer Blick lohnt, zeigt einmal mehr Facebook

Dass es sich lohnt, wenn Eltern über die Social-Media-Aktivitäten ihrer Kinder Bescheid wissen, zeigt einmal mehr Facebook als unrühmliches Beispiel. Bis zu 20 Dollar im Monat gab es für ein paar Klicks, jede erfolgreiche Weiterempfehlung brachte denselben Betrag obendrauf. Mit diesem Angebot lockte Facebook jahrelang Nutzer, eine Art „Forschungs-App“ zu installieren – vor allem für junge Leute eine einfache Möglichkeit, sich mit geringem Aufwand das Taschengeld aufzubessern, so Sueddeutsche.de. Was vermutlich nur ein Bruchteil der 13- bis 35-jährigen Teilnehmer wusste: Sie verkauften ihre Privatsphäre. Mit dieser App gaben sie Facebook nahezu unbegrenzten Zugriff auf ihr Smartphone. Für Facebook sind solche Daten Milliarden wert, helfen sie beispielsweise doch, Werbung noch genauer auszuspielen.

TikTok – nur eine von vielen großen Apps aus China

Lust auf mehr Infos aus Chinas digitalem Ökosystem? Bitte sehr: Auf unserem OSK Blog stellen wir in einer siebenteiligen Serie das Land der Superlative vor. In keinen anderen Markt der Welt wird mehr Wagniskapital gepumpt. Die drei führenden Tech-Firmen Baidu, Alibaba und Tencent (kurz BAT) spielen mit einer Gesamtbewertung von über einer Billion Dollar inzwischen in der Liga von Facebook, Amazon, Netflix und Google. Nirgendwo schießen zudem mehr Jungunternehmen aus dem Boden. Wir erklären, wer die entscheidenden Köpfe in der Industrie sind, welche Unternehmen Kommunikationsprofis kennen sollten und wieso die Zukunft des Internets in China schon Realität ist.

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Frauke Weber hat nach ihrem Studium zunächst bei der Rheinischen Post volontiert und danach viele Jahre sowohl im Journalismus als auch in der Unternehmenskommunikation gearbeitet.

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