//KW 48 – Snapchat-Redesign: Die Hype-App soll zugänglicher werden

KW 48 - Snapchat Titel

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Liebe Leserinnen und Leser,

Snapchat galt als der Social-Kanal der Zukunft. Die App mit den verschwindenden Inhalten zog Millionen junger User an. Daher war Snapchat für viele die ultimative Lösung zur Ansprache der Generation Z, die über traditionelle Medien nur noch schlecht zu erreichen ist. Ein wahrer Snapchat-Hype brach aus. Mittlerweile kämpft die Muttergesellschaft Snap jedoch mit stagnierenden User-Zahlen und Konkurrenz durch andere Plattformen wie Facebook und Instagram. CEO Evan Spiegel hat daher starke Veränderungen des Messengers angekündigt. Das Redesign soll in den nächsten Tagen ausrollen. Wir erklären im aktuellen OSK Weekly, was Snapchat nun anders machen will und wie sich der Messenger auf die Zukunft vorbereitet.

Viel Spaß beim Lesen!

Neuer Algorithmus: Snapchat wird „facebookiger“

Snapchat plant, Inhalte von Freunden und Medien stärker zu trennen. Die Vermischung beider Content-Stränge habe beim Nutzer häufig für Verwirrung gesorgt, begründet CEO Evan Spiegel die Entscheidung. Mit einer „dynamischen Freundesliste“ will Snapchat außerdem gegen den Konkurrenten Facebook punkten. Mithilfe künstlicher Intelligenz werden die Kontakte eines Nutzers laufend umsortiert. Der „Beste-Freunde-Algorithmus“ soll lernen, mit wem ein Nutzer häufig kommuniziert und welche Freunde er in welchem Moment am ehesten kontaktieren würde.

Ausnahmsweise schaut sich Snapchat also mal etwas von Facebook ab – und nicht umgekehrt. Denn die Konkurrenzplattform arbeitet schon lange mit intelligenten Algorithmen. Snapchat erhofft sich von der Umstellung, dass Nutzer künftig die Inhalte angezeigt bekommen, die sie interessieren oder von engen Freunden stammen statt von entfernten Verwandten. Die Hoffnung: höhere Abrufzahlen und steigendes User-Engagement.

Neues Werbeformat: Unternehmen sollen mit Snapchat mehr Menschen erreichen

Snapchat führt kurz vor Weihnachten ein neues Anzeigenformat ein, die sogenannten „Promoted Stories“. Bislang gibt es nur die „normalen“ Stories – von Nutzern oder Marken erstellte Foto- oder Videosammlungen. Der Content wird dabei hintereinander abgespielt und löscht sich nach 24 Stunden selbst. Diese Stories eines Accounts sind nur für User sichtbar, die diesem Account folgten. Die „Promoted Stories“ sollen das ändern: Innerhalb der Stories-Seite (Swipe nach rechts innerhalb der App) werden sie landesweit allen Nutzern angezeigt. So könnte ein Unternehmen sie zum Beispiel an alle Nutzer in den USA ausspielen. Es bleibt die Frage, ob die User die Inhalte dann auch tatsächlich öffnen.

Stärkung des Discover-Formats – Burda hat „Bunte“-Kanal gestartet

An seinem journalistischen Format Discover hält Snapchat fest und baut die Kooperation mit Medien weiter aus. In Deutschland ist die Bunte seit Kurzem der fünfte deutschsprachige Partner mit einem Discover-Kanal, wie Meedia berichtet. Burdas People-Marke will auf diese Weise verstärkt eine junge Zielgruppe erreichen.

Das Traditionshaus „The Economist“ betreibt bereits seit einem Jahr einen Discover-Kanal. Auf dem Tech Summit des VDZ zog Charlie Wells, verantwortlicher Redakteur für Discover beim Economist, ein erstes Fazit. Wie die meisten Medienhäuser will der Economist Brücken bauen, um neue, junge Nutzer mit der seit mehr als 150 Jahren existierenden Marke in Kontakt zu bringen. Und das funktioniert laut Wells sehr gut. Eine Discover-Ausgabe über Donald Trump, als dieser gerade seinen Amtsantritt gefeiert hatte, habe in einer Woche eine höhere Reichweite erzielt als Economist.com in einem ganzen Monat. „In diesem Moment haben wir realisiert, dass wir über Snapchat tatsächlich viele Menschen erreichen können.“ In Zahlen ausgedrückt seien das im Schnitt monatlich 7,1 Millionen Nutzer.

Snapchats größtes Problem ist gleichzeitig seine größte Chance

Kurzlebigkeit sei sowohl die Ursache für Snapchats frühen Erfolg als auch das größte Problem des Messengers, schreibt Rebecca Mardon auf Netzpiloten. Denn im Gegensatz zur Geister-App ermutigten andere soziale Netzwerke ihre Nutzer dazu, ein dauerhaftes Profil durch kontinuierlich hochgeladene Inhalte zu erstellen. Unsere Facebook-Profile beispielsweise, erklärt Mardon, seien zu wichtigen „digitalen Besitztümern“ geworden, die an Momente aus unserem Leben erinnern. Je mehr Zeit und Mühe man investiere, desto schwieriger könne man die Plattform verlassen. Snapchat den Rücken zu kehren, falle hingegen leichter, da der User keine Inhalte für immer löschen müsste.

Eine Chance sieht Mardon in der Funktion „Memories“, mit der Nutzer ihre Inhalte speichern können. Auf diese Weise entstünde ein digitales Scrapbook, eine Skizze unseres Lebens. Während andere Plattformen es ermöglichten, die ausgefeilten Erinnerungen zu konservieren, könne eine Montage von Snaps die Teile unseres Lebens festhalten, die sonst herausgeschnitten würden – die „dummen, alltäglichen, nicht auf Hochglanz polierten, aber dennoch wichtigen und wertvollen Momente“. Das stelle vielleicht die größte Hoffnung auf Snapchats Überleben dar.

Snapchat-User sind sehr loyal

Ein großer Teil der User nutzt Snapchat beinahe exklusiv. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die das Analyse-Unternehmen „App Annie“ durchgeführt hat. Snapchat selbst präsentiert die Zahlen auf der eigenen Website. Laut der Studienergebnisse loggen sich 49 Prozent der deutschen User, die an einem ausgewählten Tag auf Snapchat aktiv sind, am selben Tag nicht auch auf Facebook ein. Für Twitter ist der Wert mit 93 Prozent noch einmal drastisch höher. Glaubt man diesen Zahlen, würden Marken die Snapchat-Nutzer an diesen Tagen über andere Kanäle nur schwer oder gar nicht erreichen. In ihrer extremen Loyalität bildet die Nutzerbasis demnach einen zentralen Eckpfeiler für die Zukunft der App.

Unsere Meinung: Snapchats Redesign ist ein notwendiges Risiko

Snapchat-User sind wie oben beschrieben sehr loyal. Sie lieben die App für das, was sie ist. Mit den angekündigten Veränderungen geht das Unternehmen daher ein hohes Risiko ein. Der Messenger muss es schaffen, die alten Nutzer nicht vor den Kopf zu stoßen und gleichzeitig neue Snapchatter zu gewinnen. Eine schwere Aufgabe. Doch eine nötige, wie auch Evan Spiegel zugibt: „Es besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass sich das Redesign kurzfristig disruptiv auf unser Geschäft auswirkt, und wir wissen nicht, wie sich das Verhalten unserer Nutzer verändern wird, wenn sie unsere veränderte App benutzen. Wir nehmen das Risiko in Kauf, weil wir glauben, dass es sich langfristig für unser Geschäft auszahlt.“

Im Kundenkontakt merken wir, dass Snapchat zwar bekannt ist, die Kunden sich jedoch eher für die Konkurrenz Instagram entscheiden, wenn ein Story-Format in die Kommunikation eingebunden werden soll. Die Facebook-Tochter ist für viele zugänglicher und überschaubarer. An dieser Stelle muss Snapchat angreifen – und tut es laut Ankündigung auch. Was die App schon auf der anderen Seite deutlich von anderen Plattformen abhebt, ist ihre recht junge und exklusive Zielgruppe. Sollte Snapchat diese aufgrund des Redesigns verlieren, könnte der Schuss nach hinten losgehen.

Dieser Artikel wurde vor mehr als einem Jahr veröffentlicht. Sein Inhalt ist möglicherweise nicht mehr aktuell.

Online-Redakteur

Carsten Christian ist studierter Journalist und Kommunikationswissenschaftler, seinen Master-Abschluss hat er an der Uni Hamburg gemacht. Bevor er zur Agentur kam, war der Digital Native mehr als zwei Jahre für die Online- und Print-Ausgabe der Ruhr Nachrichten im Einsatz. Bei OSK arbeitet er als Online- und Social-Media-Redakteur, auf dem Agentur-Blog schreibt Carsten über den Medienwandel und Trends im Bereich Mobile und (Online-)Video. Privat verfolgt er Neuigkeiten in der Videospiel- und Gaming-Szene, schaut gerne Let's-Plays auf YouTube und greift auch selbst zu Maus und Gamepad.

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