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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die USA haben gewählt – selten war eine Präsidentschaftswahl spannender, umstrittener und hat die Menschen auch in Deutschland und weltweit derart elektrisiert.

Unter der Lupe standen vor, während und nach der Wahl aber nicht nur die Präsidentschafts-kandidaten, sondern auch die sozialen Netzwerke. Denn die hatten sich, wir erinnern uns, im Zuge der US-Wahl 2016 nicht gerade mit Ruhm bekleckert. 2020 wollten sie alles besser machen. Zudem spielen im Krisen-Wahljahr auch einige Plattformen bei Polit-Profis und Spin Doctors eine große Rolle, die es vor vier Jahren noch nicht gab.

Erste Erkenntnisse und Hintergründe haben wir im heutigen OSK-Newsletter für Sie zusammen-gestellt.

Viel Spaß beim Lesen!

OSK Weekly KW 45 - US-Wahl und Social Media - Alles anders, alles besser im Wahljahr 2020 – beteuern die Plattformen

Alles anders, alles besser im Wahljahr 2020 – beteuern die Plattformen

W&V zufolge setzten die Präsidentschaftskandidaten noch nie da gewesene Mittel und Budgets dafür ein, ihre Kampagnen umzusetzen. Allein zwischen dem 1. Juni und dem 13. September 2020 sollen es ungefähr 66 Millionen Dollar nur für Social-Media-Aktivitäten gewesen sein, zitiert der BR eine Studie der Syracuse University. Immer noch deutlich weniger als für Fernsehwerbung, aber eben auch ein neuer Höchstwert. Dazu hätte auch COVID-19 beigetragen, so Wired. Die Pandemie und die darauffolgenden Ausgangsbeschränkungen hätten die Digitalisierung des Wahlkampfs – der in den USA maßgeblich an Haustüren und auf Spendenveranstaltungen stattfinde – nachhaltig vorangetrieben. Davon soll vor allem die Videokonferenz-Software Zoom profitiert haben – ebenso wie Social-Urgestein Facebook. Dort hätten die Parteien vor allem die Live-Streaming-Funktion der Plattform genutzt.

Um ein besseres Bild als 2016 abzugeben, kündigten die sozialen Netzwerke im Vorfeld der heißen Phase des Wahlkampfes an, einige Änderungen vorzunehmen: Facebook und Instagram wollten politische Werbung begrenzen (die Twitter schon seit einem Jahr nicht mehr erlaubt) und stärker gegen Verschwörungstheorien und Fake News vorgehen. Instagram entfernte in diesem Zuge die Funktion „Recent Hashtags“ für US-amerikanische Nutzer, um der Verbreitung von Falschinformationen entgegenzuwirken. Am Wahltag selbst versahen die Plattformen Posts mit voreiligen Siegeserklärungen mit der Info, dass das Ergebnis noch nicht bestätigt sei.

OSK Weekly KW 45 - US-Wahl und Social Media - Gute Absichten, schlechte Ausführung

Gute Absichten, schlechte Ausführung

Zugegeben, die Plattformen hatten am Wahltag und danach alle Hände voll zu tun, falsche Informationen zu kennzeichnen. Dass sie ihren Worten nicht immer Taten folgen lassen, zeigt das Beispiel des Tweets von der „gestohlenen Wahl“. Donald Trump setzte jenen viel zitierten Tweet erstmals am Mittwoch um 6.49 Uhr deutscher Zeit ab. Twitter versah den Tweet mit der Warnung, dass die Inhalte des Tweets „umstritten oder möglicherweise irreführend in Bezug auf die Beteiligung an der Wahl“ seien. Ein Video, in dem Trump genau dieselbe Aussage tätigte und sich kurzerhand zum Wahlsieger erklärte, blieb aber ohne Hinweis stehen, wie die SZ berichtet. Die sozialen Netzwerke seien jedoch nicht die einzigen, die Fake News oft unkommentiert stehen ließen, schreibt TechCrunch. Immerhin habe auch das Fernsehen Trumps Falschaussage vom gestohlenen Sieg verbreitet.

Ob Warnhinweise oder unterdrückte Hashtags: Experten kritisieren, die Maßnahmen gingen nicht weit genug – weil ein wichtiges Facebook-Feature weiterhin existierte: Micro Targeting. Facebook beispielsweise erlaubt seinen Nutzern, spezifische Botschaften nur an bestimmte Empfänger zu versenden. Wer schon einmal den Facebook Ads Manager bedient hat, kennt die Funktion. Im Zuge der Wahl habe Micro Targeting dazu geführt, sagt stern-Journalist Thomas Ammann im Gespräch mit dem Deutschlandfunk, dass „die Parteien und die Leute, die Kampagnen konstruieren, natürlich ein Bild von ihren Wählerinnen und Wählern bekommen, wie sie es vorher nie bekommen konnten.“ Das habe beispielsweise die gezielte Ausspielung von Meldungen erlaubt, die Wählerinnen und Wähler davon abhalten sollten, sich an die Wahlurnen zu begeben.

Dazu, so ein weiterer Kritikpunkt, bleibe ein anderes Problem unangetastet: der Newsfeed-Algorithmus. Er führe dazu, dass polarisierende Inhalte – darunter eben auch oft Fake News – häufig eine besonders hohe Sichtbarkeit bekämen. Gehen schädliche Inhalte viral, ist es mitunter jedoch zu spät, sie zu entfernen. Eine Analyse der BBC am Donnerstag zeigte etwa, dass Informationen oftmals erst korrigiert wurden, nachdem sie schon Hunderttausende erreicht hatten.

OSK Weekly KW 45 - US-Wahl und Social Media - Die Rolle der Influencer im US-Wahlkampf

Die Rolle der Influencer im US-Wahlkampf

Influencer sollen erstmals eine nennenswerte Rolle im US-Wahlkampf gespielt haben. Besonders wichtig dabei: Mikro-Influencer mit weniger als 10.000 Followern, wie eine Studie der University of Texas zeigt. Ihr Vorteil: Sie wirken nahbarer und vertrauenswürdiger als ihre reichweitenstarken Kolleginnen und Kollegen. Was Werbetreibende schon vor einigen Jahren begriffen haben, scheint nun auch in der US-amerikanischen Politik angekommen zu sein. Dass das komplizierte ethische Fragen aufwirft, ist wiederum ein anderes Problem – dass viele Influencer Stillschweigen bewahren über ihre Kompensation und damit die Anstrengungen von Facebook untergraben, Social Ads während der heißen Wahlphase und am Wahltag zu sperren, ein weiteres. PS: Auch wir haben schon über die Vorteile des Mikro-Influencer-Marketings gesprochen, zum Beispiel in diesem Video.

Aber auch die reichweitenstärkeren Influencer haben versucht, ihren Einfluss vor und während der Wahl geltend zu machen. Shira Ovide, Tech-Kolumnistin der New York Times, denkt daher laut darüber nach, ob soziale Netzwerke ihre reichweitenstärkeren Userinnen und User anders behandeln sollten als den Otto Normalinstagrammer, dessen Hundefotos nur die 267 Follower seines privaten Profils sehen. Ovides Ansicht: “When bogus information moves from fringe corners of the internet into mainstream discussions, it’s usually because prominent people helped it get there. (…) It would be helpful to break the chain of transmission for these bogus information superspreaders.“ Sie schlägt ein Strike-System vor, das in einer ähnlichen Form bereits auf YouTube existiert, mit dem der Algorithmus reichweitenstarke Nutzer abstrafen könnte, die mehrfach nachweislich falsche Informationen verbreitet haben.

OSK Weekly KW 45 - US-Wahl und Social Media - New kids on the block: Gaming als Wahlkampfinstrument

New kids on the block: Gaming als Wahlkampfinstrument

TikTok und Twitch sind, offen gestanden, keine ganz neuen Plattformen. Im politischen Kontext allerdings schon. Die demokratische US-Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez hat vorgemacht, wie man sie erfolgreich nutzen kann. Auf Twitch spielte AOC live das erfolgreiche Videogame „Among Us“. Mehr als 400.000 Menschen hätten ihr dabei zugesehen, wie der Deutschlandfunk berichtet. Damit gehöre der Stream zu den bisher erfolgreichsten Live-Übertragungen des Dienstes.

Zudem spielte Ocasio-Cortez nicht allein, sondern vernetzte sich mit anderen populären Gamern und deren Fangemeinden – wodurch die Abrufe insgesamt in die Millionenhöhe gestiegen seien. Die Demokratin habe die Aktion auch für indirekten Wahlkampf genutzt, indem sie Menschen dazu animierte, wählen zu gehen. Sie sei jedoch nicht die einzige Politikerin, die Computerspiele als neue Leitung zu den Wählern verstanden habe.

Auch Demokrat Bernie Sanders und US-Präsident Donald Trump hätten Twitch schon für ihre politischen Kampagnen eingesetzt. Joe Biden besitzt im populären Spiel „Animal Crossing“ eine Insel, um dort über seine Kampagne und seine politischen Ziele zu informieren. Das zeigt, welchen Einfluss Online Communitys auch weit über Facebook hinaus haben. Denn laut Deutschlandfunk sind digital vernetzte Fangemeinschaften „Realitätsmaschinen“, die direkte Auswirkungen auf die Gestaltung unserer Welt haben. „Daher werden wir auf jeden Fall noch mehr Politikerinnen und Politiker beim Akquirieren von großen Online-Gemeinschaften beobachten können, sei es in der Gaming Community oder rund um die QAnon-Online-Gemeinde, deren Verschwörungsmythen auch Donald Trump aufgreift.“

Auch wenn TikTok keine politische Werbung erlaubt – die Plattform ist politisch. Viele junge Amerikaner riefen auf der Plattform dazu auf, wählen zu gehen, und untermalten Tanzvideos mit politischen Messages. Politische Gruppen wie @tiktokforbiden oder @conservativehypehouse hätten Millionen von Followern, berichtet Junkee. Ein Bloomberg-Newsletter zeigt indes: Auch auf TikTok tummeln sich die Falschinformationen – und anders als Facebook und Co hätte die Plattform noch keinen Mechanismus entwickelt, diese zu kennzeichnen, zumal sie oft von Absendern mit wenigen Hundert Followern stammten.

Übrigens: Auch deutsche Politiker haben TikTok (und in geringerem Ausmaß auch Twitch) für sich entdeckt, zeigen der BR, der Tagesspiegel und jetzt.de – dass sie sie auch im Vorfeld der Bundestagswahl im kommenden Jahr nutzen, ist mehr als wahrscheinlich.

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Über die Autorin

Katalina hat Politik- und Europawissenschaften in Maastricht, Bologna sowie München studiert und sowohl im Journalismus als auch in der Unternehmenskommunikation gearbeitet. Bei OSK leitet Katalina in Doppelspitze die Social-Media-Redaktion. Auf dem Agenturblog schreibt sie über Medien, Apps und soziale Netzwerke. Wenn die Hamburgerin nicht am Schreibtisch sitzt, läuft sie Langstrecken und spielt Basketball.

Dieser Artikel wurde vor mehr als einem Jahr veröffentlicht. Sein Inhalt ist möglicherweise nicht mehr aktuell.